
Herr Wermter, wie hat sich die Versorgungslage für Sie als Spezialist für Schmierstoffe und Additive seit Beginn der kriegerischen Aktivitäten im Iran verändert? Kann von einer Knappheit gesprochen werden?
Stefan Wermter: Natürlich ist die Versorgungslage seitdem sehr angespannt und wir bekommen täglich mit, wie wahnsinnig groß der Druck auf dem Markt ist. Wir sind weiterhin vollumfänglich lieferfähig, müssen aber natürlich einen deutlich größeren Aufwand betreiben, an die Ware zu kommen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir nicht so extrem betroffen, als dass von einer Knappheit die Rede sein kann.
Welche Rohstoffe oder Vorprodukte sind besonders betroffen?
Stefan Wermter: Das größte Problem besteht bei den Basisölen, allen voran denen der Gruppe III und IV. Diese sind die Ausgangsstoffe für HC-synthetische und vollsynthetische Schmierstoffe.
Wie haben sich die Lieferzeiten der benötigten Grundstoffe verändert?
Stefan Wermter: Man muss auf jeden Fall längerfristig planen, da die Transportwege sich verändert haben oder die Basisöle aus anderen Orten der Welt kommen, als es in der Vergangenheit noch der Fall war, als alle Produkte noch in den europäischen Häfen vorrätig waren.
Liegen die Probleme nur in der Behinderung der Transportwege oder sind auch Produktionsanlagen und Raffinerien der Lieferanten beeinträchtigt bzw. ausgefallen?
Stefan Wermter: Bei Angriffen sind an einigen Standorten im Nahen Osten Raffinerien getroffen worden. Einige produzieren seitdem nur noch geringere Mengen, andere mussten komplett heruntergefahren werden. Zentraler Einflussfaktor bleibt aber die Sperrung der Straße von Hormus, das gilt auch für die Auswirkungen, die wir als Rowe zu spüren bekommen.
Wie haben sich die Preise für Grundstoffe in den vergangenen Monaten entwickelt?
Stefan Wermter: Steil nach oben und das in einem Ausmaß, das man so nicht kannte und auch nicht erwarten konnte. Rasant, sehr steil und fast in wöchentlichem Rhythmus.
Lassen sich Preissteigerungen aktuell noch abfedern oder müssen diese an die Kunden weitergegeben werden?
Stefan Wermter: Die Preiserhöhungen sind so exorbitant hoch, dass sie sich nur sehr kurze Zeit haben abfedern lassen. Mittlerweile mussten wir diese auch an unsere Kunden weitergeben.
Haben Sie Ihre Beschaffungsstrategie seit Beginn der Krise angepasst? Gibt es andere Länder bzw. Regionen, die die Versorgungslücken auffangen können?
Stefan Wermter: Bereits aus der Corona-Pandemie – die natürlich ein globales Thema war – oder zu Beginn des Ukrainekrieges, als es zu Verknappungen kam, haben wir unsere Lehren gezogen und uns im Hinblick auf die Versorgungssicherheit breiter aufgestellt. Gewisse Lücken konnten wir so abfangen. Wie sich die andauernde angespannte Situation weiterhin darauf auswirken wird, lässt sich bei einem so volatilen Vorgang allerdings nicht absehen.
Hat sich das Bestellverhalten des Kfz-Teilegroßhandels bereits geändert?
Stefan Wermter: Ja, das hat sich der Situation angepasst. Die Kunden bevorraten seit Kriegsbeginn größere Mengen und auch im weiteren Verlauf des Konflikts ist eine zunehmende Tendenz festzustellen.
Was empfehlen Sie ihren Kunden aus dem Teilehandel und Kfz-Werkstätten in dieser Situation?
Stefan Wermter: Da weiterhin davon ausgegangen werden muss, dass Verfügbarkeiten zumindest in bestimmten Produktsegmenten weiter eingeschränkt sein werden, lautet die Empfehlung, regelmäßig benötigte Produkte immer mit einem Puffer von mehreren Wochen auf Lager zu halten. Darüber hinaus gibt es natürlich Produkte, die ein sehr breites Einsatzspektrum abdecken, weil sie viele Normen mehrerer Automobilhersteller erfüllen und deren Freigabe haben. Unser Hightec Multi Synt DPF ist ein gutes Beispiel dafür, das sollte in keiner Werkstatt fehlen. Aber wichtig ist immer, dass bei jedem Ölwechsel gemäß den Herstellerfreigaben befüllt wird.
Sehen Sie perspektivisch Möglichkeiten für die Branche, die Lieferketten krisensicherer aufzustellen?
Stefan Wermter: Für uns geht es darum, sich so gut als möglich aufzustellen. Eine gewisse Abhängigkeit bleibt immer, allein schon aufgrund der Mengen, die im Nahen Osten produziert werden. Das lässt sich nicht auf null drehen. Wir versuchen uns bestmöglich darauf vorzubereiten und aus jeder Krise unsere Lehren für die Zukunft zu ziehen und dadurch unsere Resilienz zu stärken.

