
Toyo Tires hat seine Vertriebsstrukturen in Europa grundlegend neu geordnet. Während zentrale Funktionen am Produktionsstandort im serbischen Indjija gebündelt wurden, übernimmt die neu gegründete Tire360 Europe GmbH die Vertriebs- und Marktbetreuung in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in den nordischen Ländern. An der Spitze des Unternehmens steht mit Ralf Gutena ein langjähriger Toyo-Manager und ausgewiesener Kenner des europäischen Reifenmarktes. Parts & Service News sprach mit ihm über die Hintergründe der Neuorganisation, die Zusammenarbeit mit dem Reifenhandel und die Wachstumspläne von Toyo Tires in Europa.
Herr Gutena, was waren die Gründe für Toyo Tires, den Vertrieb in Europa neu zu organisieren?
Ralf Gutena: Die Neuorganisation ist Teil einer von Toyo Tires im September 2024 begonnenen Strukturreform in Europa. Toyo hat die zuvor über mehrere Länder verteilten Vertriebsfunktionen in einer neuen europäischen Vertriebsgesellschaft am Produktionsstandort in Indjija, Serbien, gebündelt. Als Ziele nennt Toyo selbst eine einheitlichere Steuerung von Produktion und Vertrieb, eine stärkere Managementbasis, eine deutlich schlankere Kostenstruktur sowie eine flexiblere und schnellere Marktbearbeitung.
Im aktuellen Medium-Term ’26-Plan wird dieser Ansatz weitergeführt: Produktion, Vertrieb und R&D sollen in Serbien enger zusammengeführt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Markt zu stärken.
Welche Vorteile bietet die neue Struktur?
Ralf Gutena: Toyo verbindet mit der neuen Struktur mehrere Vorteile. Die Bündelung am Standort Serbien hat die Kostenstruktur bereits deutlich verschlankt. Durch das Prinzip „local production for local consumption“ sollen sich die Lieferzeiten nach Europa verkürzen und das verfügbare Produktprogramm verbreitern.
Die engere Verzahnung von Produktion, Vertrieb und R&D soll außerdem eine stabilere Versorgung und eine schnellere Reaktion auf Marktanforderungen ermöglichen. Parallel dazu bleibt mit Tire360 Europe eine lokale Vertriebs- und Marketingstruktur für DACH und Nordics (Skandinavien) bestehen. Damit verbindet das Modell eine zentrale europäische Organisation mit regionaler Marktbetreuung vor Ort.
Wie viel unternehmerische Eigenständigkeit besitzt Tire360 Europe gegenüber Toyo Tires?
Ralf Gutena: Tire360 Europe ist eine eigenständige GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main. Mit Toyo Tires besteht eine klar geregelte, exklusive und langfristig angelegte Vertragsbeziehung. Auf dieser Grundlage übernimmt Tire360 Europe definierte Vertriebs- und Marketingfunktionen: den Vertrieb in den vertraglich festgelegten Märkten sowie die Marketingfunktion für Toyo Tires in Europa.
Die Zusammenarbeit gibt Tire360 Europe die operative Verantwortung für die Umsetzung dieser Aufgaben. Die zentrale europäische Vertriebsorganisation von Toyo ist die Toyo Tire Sales and Marketing Europe d.o.o. in Serbien.
Wo sehen Sie die aktuelle Position von Toyo Tires in den Märkten, die Sie betreuen?
Ralf Gutena: Toyo Tires hat in Europa durch Ergebnisse in Reifentests von Fachmedien sowie durch seine Motorsportaktivitäten bereits einen relevanten Bekanntheits- und Anerkennungsgrad erreicht. Dazu trägt insbesondere das Engagement von in der Nürburgring Langstrecken-Serie und beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring bei.
Gleichzeitig sieht Toyo selbst noch Potenzial darin, den technischen Wert der Produkte und den Transfer der unter extremen Motorsportbedingungen gewonnenen Erkenntnisse in die Produktentwicklung stärker im Markt zu vermitteln. Der aktuelle Fünfjahresplan definiert Europa deshalb als Wachstumsmarkt, wobei die Präsenz im UHP-Segment deutlich ausgebaut werden soll.
In der Pressemitteilung zur Neuaufstellung ist viel von Kontinuität und Erfahrung die Rede. Was bleibt für Händler gleich – und was wird sich verändern?
Ralf Gutena: Die personelle Kontinuität ist konkret: Mit Tire360 Europe führt ein eingespieltes Team die Marktbetreuung fort. Ralf Gutena verantwortete zuvor bei Toyo Tire Deutschland und Toyo Tire Holdings of Europe den deutschen beziehungsweise europäischen Vertrieb; Sabine Stiller betreut das europäische Marketing, Andrea Brix die Region Nordics (Skandinavien) und Michael Kraft als Head of Sales die DACH-Region. Für Händler bleiben damit erfahrene Ansprechpartner und regionale Marktkenntnis erhalten.
Verändert hat sich vor allem die organisatorische Struktur: Die früheren europäischen Toyo-Vertriebsgesellschaften wurden aufgelöst, die zentrale europäische Vertriebssteuerung wurde nach Serbien verlagert und Tire360 Europe übernimmt als lokaler Partner die Verantwortung für DACH und Nordics. Genau in diesen operativen Schnittstellen sehen wir aktuell jedoch auch noch die größten Herausforderungen der Neuorganisation.
Für unsere Handelspartner ist entscheidend, dass die Abläufe im Tagesgeschäft zuverlässig und möglichst reibungslos funktionieren: von Bestellung und Rechnungsstellung über Lager und Logistik bis hin zu Reklamationen, technischen Services und den jeweiligen Ansprechpartnern. Diese Prozesse befinden sich teilweise noch in der weiteren Abstimmung und Optimierung.
Unser Ziel ist klar: Die neue Struktur soll für unsere Partner nicht zu zusätzlicher Komplexität führen, sondern mittelfristig zu effizienteren und verlässlicheren Abläufen. Wie und in welcher Form hier nachjustiert werden muss, lässt sich aktuell noch nicht konkret darlegen, wird aber intern intensiv geprüft.
Gibt es bestimmte Vertriebskanäle, die künftig stärker im Fokus stehen werden?
Ralf Gutena: Die Europa-Strategie von Toyo nennt als wichtige Basis die Beziehungen zu mittelgroßen und großen Händlern mit eigenen Filial- beziehungsweise Retail-Netzen und Lagerdistribution. Grundsätzlich verfolgen wir aber nicht den Ansatz, einzelne Vertriebskanäle auszuschließen oder ausschließlich zu priorisieren. Unser Anspruch ist, alle relevanten Marktteilnehmer zu bedienen: vom Reifenfachhandel und Großhandel über Einkaufskooperationen und Ketten bis hin zu spezialisierten Performance- und Tuningpartnern sowie weiteren professionellen Vertriebskanälen.
Entscheidend ist für uns, Toyo Tires dort verfügbar und sichtbar zu machen, wo wir unsere unterschiedlichen Kundengruppen erreichen. Dabei spielen neben einer breiten und leistungsfähigen Distribution auch gezielte Partnerschaften eine wichtige Rolle.
Ein wichtiges Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Jean Pierre ‚JP‘ Kraemer und JP Performance. Diese bietet uns die Möglichkeit, die Performance-Kompetenz von Toyo Tires sehr authentisch in einer besonders marken- und tuningaffinen Zielgruppe zu präsentieren und die Bekanntheit der Marke in diesem Umfeld auszubauen.
Wie positioniert sich Toyo Tires in Abgrenzung zu anderen Premium- und Quality-Marken auf dem Markt?
Ralf Gutena: Toyo ist kein reiner Vollsortimenter mit einem Volumenansatz. Der Konzern setzt auf sogenannte Priority Products und auf höherwertige Produkte, die an die Anforderungen der jeweiligen Märkte angepasst werden. Für Europa ist das UHP-Segment ausdrücklich als zentrales Wettbewerbsfeld definiert. Die „Reifenfamilie“ der Proxes-Reifen soll technologisch weiterentwickelt und langfristig als wettbewerbsfähige Marke im Premium-Preissegment etabliert werden.
Als Belege für die Produktleistung und technische Entwicklung dieser Proxes-Reifen nutzt Toyo unter anderem Fachmedientests und den Motorsport. Die Differenzierung liegt damit vor allem in einem selektiven Fokus auf Performance, technische Produktsubstanz und marktspezifische Produkte, und nicht darin, in jeder Produktkategorie die größte Sortimentsbreite anzubieten.
Toyo genießt insbesondere bei sportlichen Reifen und im Tuning-Bereich einen guten Ruf. Soll dieses Image künftig stärker genutzt werden?
Ralf Gutena: Ja. Die aktuelle europäische Markenarbeit zielt bereits in diese Richtung. Toyo hat 2026 die internationale Proxes-Kampagne in Europa unter anderem auf der Ultrarace in Polen und beim Goodwood Festival of Speed fortgeführt. Auch die Ultrarace ist für Toyo ein wichtiger Treffpunkt der europäischen Custom-Car-, Tuning- und Performance-Szene.
Die Zusammenarbeit mit JP Performance unterstreicht diesen Ansatz. Gleichzeitig ist Proxes im Fünfjahresplan als zentrale UHP-Marke der europäischen Wachstumsstrategie verankert. Mit Produkten wie dem straßenzugelassenen Semi-Slick Proxes R888R sowie dem für das Jahr 2027 angekündigten Nachfolgeprodukt besteht zudem eine direkte Verbindung zwischen Performance-Anwendung, Trackday und Straße. Die Teilnahme an diversen Trackdays, wie z. B. denen des DSK am Nürburgring (17.07. und 15.09.2026), ist ebenfalls ein Beleg für dieses Engagement.
Welche Rolle spielen Motorsport und Performance-Anwendungen für die Markenkommunikation?
Ralf Gutena: Wie in den Fragen zuvor ausgesagt, erfüllt Motorsport bei Toyo zwei ausdrücklich definierte Funktionen: Produktentwicklung und Markenkommunikation. Der Konzern nutzt Einsätze unter extremen realen Bedingungen, um technische Erkenntnisse in die Reifenentwicklung zurückzuführen.
Für die On-Road-Entwicklung fährt Toyo mit speziellen Proxes-Rennreifen am Nürburgring; Daten und Erfahrungen daraus werden zur Verbesserung von Handling, Stabilität und Haltbarkeit genutzt, und Erkenntnisse aus dem Rennsport sind bereits schrittweise in Serienreifen eingeflossen. Gleichzeitig sieht Toyo den Motorsport als geeignetes Umfeld, um Reifenperformance sichtbar zu machen, Markenbindung aufzubauen und die Marktpräsenz zu stärken.
In welchen Produktsegmenten sehen Sie das größte Wachstumspotenzial?
Ralf Gutena: Für Europa ist die Priorität eindeutig: Ultra-High-Performance-Reifen als das zentrale Wettbewerbsfeld der kommenden Jahre. Der Medium-Term ’26-Plan sieht zugleich vor, die europäische Ersatznachfrage über Sommer-, Winter- und Ganzjahresreifen breiter abzudecken. Insgesamt will Toyo den europäischen Absatz im Fünfjahreszeitraum bis 2030 auf rund das 2,5-Fache des Ausgangsniveaus steigern. Der strategische Schwerpunkt innerhalb dieses Wachstums liegt auf UHP und der weiteren Stärkung von Proxes.

