„We Drive EU“: Aftermarket startet Lobbyoffensive in Brüssel

Mit der Kampagne „We Drive EU“ fordert der europäische Kfz-Aftermarket mehr Einfluss auf die Industriepolitik der EU. Die Branche pocht auf fairen Datenzugang, funktionierenden Wettbewerb und eine stärkere politische Einbindung.
Startschuss für die neue Kampagne „We Drive EU“, mit der sich die Player des Automotive Aftermarkets mehr Gehör verschaffen wollen. Foto: Automotive Coalition for Europe

Egal, ob es um politische Entscheidungen in Deutschland oder auf europäischer Ebene geht – es ist immer dasselbe Problem. Im Fokus der Wahrnehmung stehen die Fahrzeughersteller der Automobilindustrie. Für die Vertreter des Aftermarkets ist es zumeist sehr schwer, sich mit ihren Interessen und Anliegen Gehör zu verschaffen. Das soll sich nun ändern. Mit der neuen Kampagne „We Drive EU“ will eine Reihe von europäischen Verbänden und Organisationen aus dem Automotive Aftermarket den Kfz-Ersatzteilmarkt als strategische Säule der europäischen Industriepolitik etablieren.

Die Initiative der „Automotive Coalition for Europe“ wurde gestern in Brüssel offiziell gestartet. Der Sektor, der 285 Millionen Fahrzeuge am Laufen hält und 3,2 Millionen Arbeitsplätze sichert, fordert faire Datenzugänge, den Erhalt zentraler Regulierungen und eine stärkere Einbindung in die EU-Gesetzgebung.

Bei der Auftaktveranstaltung in Brüssel machte Sylvia Gotzen, Geschäftsführerin des europäischen Kfz-Aftermarket-Verbandes FIGIEFA, die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors deutlich: Mit einem Marktvolumen von 236 Milliarden Euro, 900.000 Unternehmen und 3,2 Millionen Arbeitsplätzen ist der Kfz-Aftermarket eine tragende Säule der europäischen Wirtschaft. Ein starker, innovativer Aftermarket sei für die industrielle Stärke Europas unerlässlich.

Wettbewerb als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit

Ein zentrales Anliegen der Kampagne ist der Erhalt fairer Marktbedingungen. Stéphane Antiglio, Präsident von Parts Holding Europe, betonte, dass Wettbewerbsfähigkeit nur mit einem funktionierenden Wettbewerb möglich sei. Die Gruppenfreistellungsverordnung für den Kfz-Sektor müsse daher nicht nur beibehalten, sondern auch an den technologischen Wandel angepasst werden.

Thomas Aukamm, Geschäftsführer von AIRC, sieht das genauso: „Moderne Fahrzeugreparaturen sind zunehmend vom ersten Tag an auf Reparaturinformationen der Originalhersteller, Fahrzeugdaten, Teilecodierungen und Batteriesysteme angewiesen. Unabhängige Werkstätten verfügen über das nötige Fachwissen, um diese Fahrzeuge zu reparieren – aber nur, wenn ein fairer Zugang zu Daten und Reparaturinformationen gewährleistet ist.“

Neben Wettbewerb und Datenzugang stand das Thema Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Diskussion. Durch die Verlängerung der Lebensdauer von Fahrzeugen mittels Reparatur, Wiederverwendung und Wiederaufbereitung trägt der Automotive Aftermarket aktiv zu den Zielen der Kreislaufwirtschaft bei, reduziert Abfall und Emissionen und unterstützt gleichzeitig die Klimaziele Europas.

Eine Reihe von Branchenfachleuten diskutierte in Brüssel über die Themen, bei denen sich der Aftermarket zukünftig stärker in die Diskussion einbringen will. Foto: Automotive Coalition for Europe

Bezahlbare Mobilität für alle

Da 82 Prozent des Personenverkehrs auf der Straße mit dem Pkw zurückgelegt werden, sei es von besonderer Bedeutung, dass die individuelle Mobilität für Bürger und Unternehmen bezahlbar bleibt. Ein funktionierender Wettbewerb im Aftermarket hält die Kosten für Reparaturen und Wartungen auf einem fairen Niveau. Davon profitieren nicht nur Verbraucher, sondern auch Versicherer und andere Mobilitätsdienstleister. Dr. Daniel John von der HUK-Coburg plädiert daher für einen ganzheitlichen Ansatz, der Reparierbarkeit, Wettbewerb und Datenzugang miteinander verbindet.

Die Kampagne „We Drive EU“ richtet sich direkt an die EU-Institutionen: Der Kfz-Aftermarket müsse vollständig in die Umsetzung des Industrieaktionsplans für den Automobilsektor einbezogen werden. Pierre Thibaudat, Generaldirektor der ADPA, brachte es auf den Punkt: Europas automobile Zukunft hänge nicht allein von der Produktion ab, sondern von der gesamten Wertschöpfungskette – und der Aftermarket sei deren treibende Kraft.

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