
Volkswagen nimmt das Ersatzteil- und Servicegeschäft mit älteren Fahrzeugen stärker ins Visier. Mit der neuen Teilelinie Horum bietet der Konzern neuerdings eine preisgünstigere Alternative zu den bekannten Volkswagen Originalteilen an. Zielgruppe sind kostenbewusste Halter von Fahrzeugen ab vier Jahren – und damit ein Marktsegment, in dem freie Werkstätten und der freie Teilehandel stark vertreten sind.
Wie offensiv Volkswagen dabei auf den Wettbewerb mit dem freien Markt blickt, wird in einem Interview der Zeitschrift „Autobusiness“ des Volkswagen- und Audi-Partnerverbands deutlich. Marcus Edelmann, Sprecher der Geschäftsführung der Volkswagen Group Original Teile Logistik, Vertrieb & Services GmbH (OTLG), und Tobias Rieger, Leiter Produktmanagement Horum im Konzern After Sales (Volkswagen AG), erläutern hier ausführlich, wie die neue Ersatzteillinie aus der Taufe gehoben wurde und welche Erwartungen und Ziele der Autobauer mit der neuen Marke verbindet.
„Horum ist genau die richtige Antwort, um zusätzliches Geschäft zu generieren. Sehr preissensible Kunden oder Kunden, deren Service- und Wartungsverträge ausliefen, sind bislang häufig zu einer freien Werkstatt gewechselt, weil die
Reparatur oder der Ersatz von Teilen im besonders wettbewerbsintensiven Wartungs und Verschleißteilebereich dort günstiger war“, antwortete Tobias Rieger auf die Frage nach den Zielen, die der Volkswagen-Konzern mit der Einführung der neuen Ersatzteillinie verfolgt. „Diese Kunden möchten wir jetzt mit zeitwertgerechteren Angeboten viel besser ansprechen. Mit Horum haben wir deshalb nun gezielt reagiert und das Produktprogramm genau auf diese Strategie ausgerichtet.“
Horum-Teile im Schnitt 25 bis 30 Prozent günstiger
Das Sortiment konzentriert sich zunächst auf klassische Wartungs- und Verschleißteile. Dazu gehören unter anderem Bremsen, Filter, Wischerblätter, Stoßdämpfer und Batterien. Perspektivisch soll das Angebot für den deutschen Markt auf rund 1.200 Teilenummern wachsen. Zusätzlich plant Volkswagen Inspektions- und Service-Kits, bei denen mehrere für eine Reparatur benötigte Komponenten gebündelt werden.
Preislich positioniert Volkswagen die neue Linie zum Teil deutlich unterhalb der Originalteile. Bei den bislang angebotenen Inspektionssätzen liege Horum nach Angaben von Marcus Edelmann im Durchschnitt 25 bis 30 Prozent unter dem Preis vergleichbarer Originalteile. Bei der Preisgestaltung habe sich der Konzern ausdrücklich am Wettbewerb mit qualitativ vergleichbaren Produktlinien orientiert, die von freien Werkstätten angeboten werden.
Am Ende gehe es nach den Worten von Edelmann jedoch nicht nur um den reinen Teilepreis, sondern aus Sicht des Kunden um ein Gesamtpaket. „Und wir müssen den Abstand zum Volkswagen Original Teil halten und unsere Original-Teile-Performance auch wirtschaftlich stabil halten. Denn das ist und bleibt unser Kerngeschäft und immer erste Wahl“, unterstreicht der OTLG-Chef.
Qualitativ grenzt Volkswagen seine Produktlinien ebenfalls voneinander ab. Nach Angaben des Konzerns sind sämtliche Horum-Teile von der technischen Entwicklung freigegeben und für den professionellen Werkstatteinsatz ausgelegt. „Während Original Teile auf maximale Lebensdauer und Performance ausgelegt seien, orientiert sich Horum stärker am Lebenszyklus und Zeitwert älterer Fahrzeuge“, erläutert Tobias Rieger. Volkswagen selbst beschreibt Horum inzwischen als wirtschaftliche Reparaturlösung mit „technisch leicht angepassten Teilen und neuen Lieferanten“. Die Produktlinie sei eine Weiterentwicklung des bisherigen Economy-Teileprogramms.
Marktanteile bei älteren Fahrzeugen zurückgewinnen
Hinter der Einführung steht eine klare After-Sales-Strategie. Volkswagen unterscheidet unter anderem die Segmente 2 und 3, die Fahrzeuge im Alter von mehr als vier bis 15 Jahren umfassen. Gerade dort sieht der Konzern noch erhebliches Potenzial für seine Vertragswerkstätten. Weltweit beziffert Volkswagen den mit Horum adressierbaren Fahrzeugbestand in diesen Segmenten auf derzeit rund 55 Millionen Fahrzeuge.
Konkrete Ziele für zusätzliche Marktanteile nennt Volkswagen noch nicht. Beim Umsatz mit Horum strebt das Unternehmen nach Angaben von Marcus Edelmann jedoch jährlich hohe zweistellige Wachstumsraten an. Aktuell bewege sich der Anteil am Gesamtumsatz noch im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Dabei soll Horum ausdrücklich nicht das Geschäft mit Original Teilen verdrängen. Vielmehr geht Volkswagen davon aus, Kunden im eigenen Servicenetz zu halten, die ansonsten zu einem Wettbewerber wechseln würden. Zwar falle der absolute Deckungsbeitrag bei den günstigeren Teilen niedriger aus, durch zusätzliches Reparaturvolumen und die damit verbundenen Lohnumsätze soll sich das Geschäft für die Autohäuser dennoch rechnen.
Integration in die Volkswagen-Systeme
Eine wichtige Rolle spielt deshalb auch die Einbindung der zweiten Teilelinie in die Prozesse der Vertragsbetriebe. Horum soll in den Volkswagen-Systemen ebenso einfach gefunden und abgewickelt werden können wie ein Original Teil. Die Integration in den elektronischen Teilekatalog ETKA ist bereits erfolgt, weitere Systeme sollen folgen. Ziel sei, Original- und Horum-Teil bei der Suche möglichst unmittelbar als Alternativen sichtbar zu machen.
Zum Start beteiligen sich Volkswagen Pkw, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Seat, Cupra und Škoda an Horum. Audi prüft den Angaben zufolge noch eine Einführung. Im Fokus stehen derzeit vor allem ältere Verbrenner. Mit zunehmendem Alter des Elektrofahrzeugbestands sollen jedoch auch für diese Fahrzeuge geeignete Verschleißteile wie Bremsen, Wischerblätter oder Filter in das Programm aufgenommen werden.



