
Herr Brodhage, vor knapp einem Jahr haben G.A.S. und Zeekr ihre Zusammenarbeit vereinbart. Wie fällt Ihre erste Zwischenbilanz aus?
Andreas Brodhage: Wir haben innerhalb von sieben Monaten mehr als 100 Werkstätten für Zeekr qualifiziert und zertifiziert. Ich möchte mich daher erst einmal für das Vertrauen unserer Partnerwerkstätten bedanken. Bei der Zusammenarbeit mit Zeekr sind wir inzwischen im operativen Geschäft angekommen. Dazu gehören beispielsweise Fahrzeugauslieferungen sowie erste Inspektionen und Wartungsarbeiten. Die Zusammenarbeit verläuft mehr als positiv.
Wie schwierig war es, die Werkstätten für eine Marke zu gewinnen, von der bislang nur wenige Fahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sind?
Andreas Brodhage: Das ist die klassische Frage was zuerst da war, das Huhn oder das Ei. Ein Hersteller benötigt ein funktionierendes Servicenetz, um seinen Kunden vermitteln zu können, dass Inspektionen, Wartungen und Reparaturen problemlos möglich sind. Dazu eine Zahl: Wir haben in der Kürze der Zeit über unser System bereits über 20.000 Kundenkontakte registriert. Auch angesichts der Qualität der Fahrzeuge muss man sich über den Erfolg dieser Marke aus dem Geely-Konzern keine Gedanken machen. Falls Gewährleistungsarbeiten vorkommen sollten, werden auch diese durch unser Werkstattnetz durchgeführt. Das ist heute im freien Markt ein Novum.
Inzwischen gibt es mehr als 100 Zeekr-Servicepartner im Werkstattnetz der G.A.S. Wie viele benötigen Sie für eine flächendeckende Versorgung?
Andreas Brodhage: Eine Flächendeckung ist heute schon mit über 100 Partnern gegeben. Entscheidend ist natürlich am Ende, welche Entfernung der Kunde bis zur nächsten Werkstatt akzeptiert. Und wir wissen, dass nur die wenigsten Autofahrer bereit, für einen Werkstattbesuch größere Strecken zu fahren. Mit unserem Netzwerk sind wir aber schon gut aufgestellt und können die weitere Entwicklung entsprechend begleiten.
Welche Voraussetzungen müssen freie Werkstätten erfüllen, um Zeekr-Servicepartner zu werden?
Andreas Brodhage: Unsere Partnerbetriebe sind technisch bereits sehr gut für die Elektromobilität und die neuen Marken vorbereitet. G.A.S. ist seit 20 Jahren am Markt und hat sein Netzwerk kontinuierlich weiterentwickelt. Über 90 Prozent der Werkstätten verfügen über die Hochvolt-Qualifikation der Stufe 3. Auch die notwendigen Investitionen in Diagnose- und Werkstattausrüstung haben viele unserer Partner längst getätigt. Deshalb geht es bei Zeekr in erster Linie um die markenspezifische Qualifizierung und Zertifizierung.
Müssen die Betriebe zusätzliche Investitionen tätigen?
Andreas Brodhage: Der finanzielle Aufwand ist vergleichsweise gering. Wie gesagt sind die wesentlichen technischen Voraussetzungen bei unseren Partnerbetrieben bereits vorhanden. Für uns ist entscheidend, dass die Betriebe neue Geschäftsmöglichkeiten erschließen können, ohne dafür große wirtschaftliche Risiken einzugehen.
Zusammen mit Bereich Karosserie und Lack entwickeln Sie jetzt ein Full-Service-Netzwerk. Welche Schritte sind hier geplant?
Andreas Brodhage: Hier zahlt es sich aus, dass wir vor knapp fünf Jahren den Schadensteuerer DMS übernommen haben. Damit verfolgen wir das Konzept „Alles aus einer Hand“. Unsere Abläufe und Strukturen bieten den Kunden eine komplette Transparenz zu seinen Fahrzeugen. Bei der Marktabdeckung konzentrieren wir uns am Anfang auf die zulassungsstärksten Gebiete in Deutschland. Die Betriebe werden nach den Vorgaben des Herstellers qualifiziert und zertifiziert. Dafür gibt es klare Anforderungen und Prozesse. Auch das Karosserie- und Lack-Netzwerk wird anschließend mit der weiteren Entwicklung der Marke und der Zahl der Fahrzeuge wachsen.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Betriebe aus?
Andreas Brodhage: Entscheidend ist für uns, dass die notwendigen Qualifikationen und Zertifikate im Betrieb vorhanden sind. Dabei geht es die vorhandene Kompetenz, die technische Ausstattung und die Bereitschaft, die Anforderungen des Herstellers zuverlässig umzusetzen und alle gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen.
Mit dem zusätzlichen Angebot für Karosserie und Lack decken Sie jetzt praktisch das gesamte Servicespektrum ab. Welche Bedeutung hat das für den freien Reparaturmarkt?
Andreas Brodhage: Das ist für mich der entscheidende Punkt. Der freie Markt hat es geschafft, einem Fahrzeughersteller in dieser Form ein vollständiges Serviceangebot bereitzustellen. Damit kann der freie Markt seine Stärken voll ausspielen. Unsere Werkstätten sind technisch qualifiziert, verfügen über Erfahrung mit Elektrofahrzeugen und sind seit vielen Jahren am Markt etabliert.
Wie ist die Ersatzteilversorgung organisiert? Und haben die Werkstätten Zugriff auf die notwendigen Reparatur- und Diagnosedaten?
Andreas Brodhage: Die Ersatzteilversorgung läuft über uns. Die notwendigen Informationen und Daten stellt Zeekr uns zur Verfügung. Diesen Daten haben wir in unsere IT-Struktur integriert. Unsere Werkstätten sind damit in der Lage, die notwendigen Arbeiten eigenständig und nach Herstellervorgaben auszuführen. Das ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein solches Servicenetz überhaupt funktionieren kann.
Könnte die Zusammenarbeit zwischen Zeekr und G.A.S. ein Vorbild für andere Automobilhersteller sein, die auf den europäischen Markt drängen?
Andreas Brodhage: Definitiv. Für einen Hersteller ist es ein erheblicher Vorteil, wenn er beim Markteintritt auf bereits vorhandene und funktionierende Strukturen zurückgreifen kann. Er muss nicht erst selbst ein komplettes Servicenetz aufbauen. Unsere Zusammenarbeit mit Zeekr zeigt, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben können.
Was bedeutet diese Entwicklung langfristig für die freien Werkstätten?
Andreas Brodhage: Ich bin überzeugt, dass der freie Markt noch nie so große Chancen hatte wie jetzt. Die Automobilbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Neue Hersteller kommen auf den Markt, etablierte Strukturen verändern sich und die Anforderungen an Service und Reparatur entwickeln sich weiter. Für uns geht es deshalb darum, die Werkstätten über die G.A.S. frühzeitig entsprechend zu positionieren. Jede neue Automarke kann auch eine neue Chance für den freien Reparaturmarkt sein



