
Autodoc stellt sein B2B-Geschäft neu auf. Der Online-Teilehändler verabschiedet sich außerhalb Frankreichs vom bisherigen Außendienstmodell und setzt künftig auf eine digitale Kundenbetreuung. Über die Hintergründe dieser strategischen Neuausrichtung, die Abgrenzung zum klassischen Teilegroßhandel und die weiteren Wachstumspläne spricht Patrick Diepenhorst, der seit Kurzem als Director Autodoc Pro Europe für das Werkstattgeschäft des Berliner Online-Teilehändlers verantwortlich ist.
Herr Diepenhorst, laut Pressemitteilung erfordern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine Neubewertung der operativen Struktur von Autodoc Pro. Sie wollen Abläufe, Strukturen und Prozesse durch digitale Kundenkommunikation straffen. Das klingt nach Sparkurs und Sand im Wachstumsgetriebe. Klären Sie uns bitte auf – wie ist die aktuelle Situation?
Patrick Diepenhorst: Unser B2B-Umsatz ist von 30,5 Millionen Euro im ersten Quartal 2025 auf 42,4 Millionen Euro im ersten Quartal 2026 gestiegen – ein Wachstum von fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das zeigt uns: Die Nachfrage ist real, der Markt ist da und unser Angebot attraktiv. Was sich geändert hat, ist die Art, wie wir dieses Potenzial heben müssen. Immer mehr Menschen kaufen online, KI verändert die Arbeitsweise von Unternehmen und das wirtschaftliche Umfeld verlangt, dass wir unsere eigenen Prozesse konsequent auf den Prüfstand stellen.
Das ,phygitale Modell‘, also die Kombination einer digitalen Plattform mit dem persönlichen Support durch lokale Service-Mitarbeiter, war der richtige Ansatz für unsere Anlaufphase, um Werkstätten an unsere Plattform heranzuführen – und es wird in Frankreich weiterhin Bestand haben. Beim Übergang in die nächste Phase ist jetzt die Ausrichtung auf ‚Digital-First‘ der logische nächste Schritt für uns als E-Commerce-Unternehmen.
Sie werden den Außendienst mit Service-Mitarbeitern einstellen. Warum verzichten Sie auf dieses Instrument?
Patrick Diepenhorst: Dies ist die schwierigste Entscheidung im gesamten Prozess. Sie betrifft Menschen, die Autodoc Pro von Grund auf mit aufgebaut haben. Ihr Engagement hat uns erst in diese Position gebracht, und das verdient aufrichtige Anerkennung. Dennoch ist diese Entscheidung außerhalb von Frankreich notwendig. Mit der Zeit bestand die Hauptaufgabe unserer Service-Mitarbeiter im manuellen Handling physischer Rücksendungen – ein arbeitsintensiver und kostspieliger Prozess, der von spezialisierten Transportdienstleistern besser abgewickelt werden kann. Die Ressourcen, die hier bisher gebunden waren, investieren wir nun direkt in das, was Werkstätten täglich brauchen: bessere Preise, ein erweitertes Sortiment und eine schnelle Logistik.
Was ist aus Ihrer Sicht heute der größte Wettbewerbsvorteil von Autodoc Pro gegenüber dem etablierten Großhandel?
Patrick Diepenhorst: Die Kombination aus drei Faktoren, die kein traditioneller Großhändler bieten kann: marktführende Preise, ein breites Sortiment von rund 7,8 Millionen Produkten und ein vollautomatischer Retourenprozess, den wir als führender, rein digitaler Akteur im europäischen IAM-Markt in dieser Form anbieten. Hinzu kommt unser transparentes Reklamations- und Garantiesystem: Werkstätten wissen genau, wann ihre Reklamationen bearbeitet werden.
Planbarkeit ist für einen Reparaturbetrieb bares Geld. Verstehen Sie uns nicht falsch: Wir wollen den Werkstätten nicht ihr gesamtes Einkaufsvolumen abnehmen. Aber bei einem Drittel ihres Bedarfs lohnt sich ein Blick auf unsere Preise – die unter denen klassischer Lieferanten liegen.
Wo sehen Sie selbst Nachteile gegenüber dem stationären Großhandel?
Patrick Diepenhorst: Im Notfall, wenn ein Teil innerhalb von 45 Minuten benötigt wird, ist der lokale Händler um die Ecke ganz klar im Vorteil. Unser Angebot richtet sich an planbare Reparaturen, bei denen Sortimentstiefe, Preis und eine reibungslose Abwicklung die entscheidenden Faktoren sind. Da 90 Prozent aller Werkstattreparaturen planbar sind, liegt hier ein enormes Margenpotenzial für die Betriebe, wenn sie ihre Prozesse optimieren.
Autodoc Pro stellt die Verfügbarkeit der sogenannten ‚Schnelldreher‘ durch die Lagerung in unseren eigenen Logistikzentren sicher, und das bei einem klaren Preisvorteil. Wir sehen uns als ergänzenden Lieferanten und helfen Werkstätten damit, ihre Margen spürbar zu verbessern.
Sie sagen, dass in Frankreich mehr als 50 Prozent der unabhängigen Werkstätten an Autodoc Pro angeschlossen sind. Welche Erfahrungen aus Frankreich wollen Sie auf andere Länder und insbesondere Deutschland übertragen?
Patrick Diepenhorst: Frankreich war 2022 der Startpunkt von Autodoc Pro und unser Testfeld. Was sich vor allem gezeigt hat: Werkstätten nehmen digitale Plattformen aktiv an, wenn das Erlebnis nahtlos und zuverlässig ist. Diese Erfahrung aus der Anfangszeit hat uns dazu gebracht, größer zu denken und ein Modell zu entwickeln, das auf schnelle, grenzenlose Skalierung ausgelegt ist.
In Deutschland etwa hatte unser physischer Rollout nur etwa 50 Prozent der geplanten Servicegebiete abgedeckt. Durch den Wechsel zu einem rein digitalen Modell fallen diese geografischen Grenzen sofort weg – so können wir jede einzelne Werkstatt in Deutschland erreichen. Dasselbe gilt für weitere Märkte wie Österreich, Italien und Luxemburg, in denen unser digitaler Rollout derzeit läuft.
Welche Werkstätten sprechen Sie mit Ihrem Angebot besonders an? Freie Kfz-Betriebe? Filialisten? Auch fabrikatsgebundene Autohäuser?
Patrick Diepenhorst: Unser Kernangebot richtet sich an freie Werkstätten im Ersatzteilmarkt. Wir sehen aber auch starkes Interesse von anderen Marktteilnehmern – darunter Autohäuser, Reifendienste, Flottenbetreiber mit eigenen Werkstätten und Markenspezialisten. Sie alle brauchen genau das, was wir bieten: Sortimentstiefe, wettbewerbsfähige Preise und ein professionelles Bestellsystem.
Die Plattform Autodoc Pro ist nicht nur ein einfacher Online-Shop. Sie ist ein operatives Werkzeug mit VIN-Entschlüsselung, spezialisierten Suchfunktionen nach Preis, Lieferzeit und technischen Spezifikationen sowie einem vollständigen Back-Office-Dashboard für Rechnungen, Gutschriften und Reklamationen.
Welche Lieferzeiten können Werkstätten bei Autodoc Pro heute realistisch erwarten?
Patrick Diepenhorst: Das hängt vom jeweiligen Markt und der gewählten Versandoption ab – im Schnitt werden die Produkte zwei bis drei Tage nach der Bestellung geliefert. Bei Artikeln, die in einem unserer sieben Lager vorrätig sind, liefern wir aber auch ein großes Sortiment am nächsten Tag. Die Werkstatt sieht über die Plattform in Echtzeit, wann das Teil eintrifft. Mit Blick auf die Zukunft entwickeln wir unsere Plattform kontinuierlich weiter. Neue Funktionen, gezielte Kategorie-Aktionen und eine optimierte Logistik werden für eine noch schnellere und zuverlässigere Lieferung sorgen.
Welche Rolle spielen Ihre lokalen Drop-Shipping-Lösungen für die zukünftige Strategie?
Patrick Diepenhorst: Eine sehr wichtige. Gerade bei sperrigen Gütern wie Karosserieteilen oder Reifen, die schwer zu handhaben sind, ist Drop-Shipping die perfekte Lösung. Das Modell ist skalierbar und effizient – es ermöglicht schnelle Lieferzeiten, ohne dass wir in jedem Markt eine eigene Lagerinfrastruktur vorhalten müssen. Das passt exakt zu unserem digitalen Ansatz und wird das Kernangebot von Autodoc Pro in Zukunft sinnvoll ergänzen.
Wird Autodoc darüber hinaus stärker in regionale Lager- oder Logistikstrukturen investieren, um die Lieferzeiten zu beschleunigen?
Patrick Diepenhorst: Wir optimieren unsere Logistik zwar kontinuierlich und prüfen alle Optionen, wollen aber keine anlagenintensive (‚asset-heavy‘) Infrastruktur wie die lokalen Großhändler aufbauen. Wir wollen ‘asset-light’ und flexibel bleiben. Was ich aber ganz klar sagen kann: Eine zuverlässige Lieferung ist neben Preis und Sortiment eine der drei Säulen unseres Angebots. Daran rütteln wir nicht.
Bei Produktretouren ersetzt Autodoc den bisherigen abholbasierten Prozess durch ein digitales Rückgabesystem. Was macht Sie sicher, dass dieser Schritt der richtige ist?
Patrick Diepenhorst: Fast vier Jahre nach der Markteinführung von Pro wissen wir aus Erfahrung genau, was Werkstätten brauchen, um ihr Geschäft einfacher, effektiver und profitabler zu gestalten. Das neue System ist intuitiv: Die Werkstatt leitet die Retoure selbstständig über die Plattform in die Wege, und ein spezialisierter Paketdienst kümmert sich um den Rest. Wir haben gelernt, dass eine physische Präsenz vor Ort nicht zwingend erforderlich ist.
Welche Aufgaben übernimmt der persönliche Ansprechpartner für die Werkstatt in dem neuen Modell? Und welche laufen ausschließlich digital?
Patrick Diepenhorst: Wir wickeln alle Abläufe digital über unser Back-Office-Dashboard ab – von der Bestellung über das Echtzeit-Tracking bis hin zu Retouren, Rechnungsstellung und Reklamationen. Digital bedeutet bei uns aber nicht, die Kunden im reinen Self-Service allein zu lassen. Jeder Kunde bekommt einen festen Account Manager als persönlichen Ansprechpartner für Onboarding, Beratungen und komplexe Anfragen.
Zudem spricht unser Business-Development-Team gezielt neue Interessenten an, um das Wachstum in neuen Regionen anzukurbeln. Es besucht auch bestehende Kunden, um zu sehen, wie wir die Zusammenarbeit ausbauen können. Nicht zuletzt wissen die Werkstätten mit unserem neuen, zuverlässigen und transparenten B2B-Reklamations- und Garantiesystem genau, wann ihre Fälle bearbeitet und gelöst werden.
Welche Investitionen planen Sie in nächster Zeit in die Weiterentwicklung Ihrer Handelsplattform?
Patrick Diepenhorst: Wir gestalten den Retourenprozess komplett intuitiv, erweitern unsere Lieferoptionen und starten ein spezielles Marketingprogramm für Profikunden. Zudem bauen wir unser Produktsortiment kontinuierlich aus und schärfen weiterhin unsere Preisgestaltung, um Autodoc Pro noch wettbewerbsfähiger zu machen. Autodoc Pro bleibt unsere maßgeschneiderte Antwort, um unsere B2B-Präsenz in diesem großen und digital noch kaum erschlossenen Markt auszubauen. Unser Versprechen bleibt unverändert: Wir sind und bleiben ein zuverlässiger und kosteneffizienter Partner für freie Werkstätten.



