Touchscreen statt Taster: Mehr Ablenkung, höheres Unfallrisikofall

Ob Klimaanlage, Radio oder Navigation: Die Bedienung moderner Fahrzeuge verlangt oft mehr Aufmerksamkeit als nötig. Neue Allianz-Untersuchungen zeigen die Folgen für die Verkehrssicherheit – und einen deutlichen Wunsch nach klassischen Schaltern.
Witzigkeit auf Kindergarten-Niveau im Tesla Model Y. Unterm Strich eine weitere Ablenkung für den Fahrer. Foto: Ingo Jagels / PSN

Die Temperatur einstellen, den Radiosender wechseln oder eine Nachricht lesen: Schon alltägliche Handgriffe können die Aufmerksamkeit des Autofahrers entscheidend stören. Nach aktuellen Analysen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) ist Ablenkung bei mindestens jedem dritten Verkehrsunfall unmittelbarer Auslöser oder zumindest ein wesentlicher mitwirkender Faktor.

Die Ergebnisse stellte der Versicherer jetzt auf seinem 14. Allianz Motor Day in München vor. Grundlage ist ein Forschungsprogramm, welches unter anderem die Analyse von mehr als 34.000 Unfallfällen, Blickbewegungsmessungen in realen Fahrzeugen, Fahrsimulationen und eine internationale Fahrerbefragung umfasst.

In kritischen Situationen dreifaches Unfallrisiko

Wie gefährlich eine fehlende Aufmerksamkeit werden kann, verdeutlicht eine Untersuchung, die das AZT zusammen mit dem spezialisierten Unternehmen cogniBIT durchgeführt hat. Auf Basis eines Fahrermodells und realer Blickdaten wurden ausgewählte kritische Verkehrssituationen simuliert.

So stieg dei einer Notbremssituation auf der Autobahn der Anteil der Kollisionen von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrern auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrern. In einem zweiten Szenario, in dem ein Kind unvermittelt auf die Fahrbahn läuft, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrer überhaupt nicht.

„Wir gehen inzwischen davon aus, dass mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Das ist deutlich häufiger als bislang angenommen“, sagte Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG. „Besonders alarmierend: In unseren Untersuchungen schnitten abgelenkte Fahrer in kritischen Situationen sogar schlechter ab als Fahrer mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille.“

Entscheidend ist das Bedienkonzept

Eine wesentliche Rolle spielt die Gestaltung moderner Cockpits. Funktionen, die früher über ertastbare Schalter erreichbar waren, wandern zunehmend in Bildschirmmenüs. Für die Bedienung von Klimaanlage oder Radio können dadurch mehrere Eingaben und wiederholte Blicke auf das Display erforderlich sein.

Eine Fahrstudie des AZT unter realen Bedingungen zeigt dabei deutliche Unterschiede zwischen aktuellen Fahrzeugmodellen. Bei einzelnen identischen Bedienaufgaben ließ sich die Zeit, in der die Fahrer den Blick von der Straße abwandten, durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept um bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden verkürzen.

Aus Sicht der Forscher ist deshalb nicht der Touchscreen allein das Problem. Entscheidend ist, wie Funktionen zugänglich gemacht werden und wie viel Aufmerksamkeit ihre Bedienung beansprucht. Das AZT fordert verbindliche Empfehlungen dazu, welche Funktionen über physische Schalter und welche über einen Bildschirm gesteuert werden sollten.

Dass viele Autofahrer mit der Entwicklung hadern, zeigt eine ergänzende repräsentative Allianz-Befragung unter 1.200 regelmäßig Autofahrenden in Deutschland. 77 Prozent fühlen sich durch moderne Fahrzeugtechnologien stärker abgelenkt als noch vor einigen Jahren. Als problematisch nennen die Befragten vor allem langes Scrollen durch Menüs, komplexe Menüstrukturen sowie kleine oder schwer zu treffende Touchflächen. Entsprechend wünschen sich 70 Prozent, bestimmte Fahrzeugfunktionen weiterhin über klassische Schalter und Bedienelemente steuern zu können.

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