Studie: Europas Kfz-Teilehandel steht vor tiefgreifendem Wandel

Der Automotive Aftermarket in Europa wird laut einer Studie von Boston Consulting bis 2035 weiter wachsen – allerdings deutlich langsamer als bisher. Elektromobilität, Digitalisierung und neue Wettbewerber verändern die Marktstrukturen.
Das Martvolumen im europäischen Ersatzteilmarkt ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Zukünftig wird sich das Wachstum nach Einschätzung von Boston Consulting verlangsamen. Foto: Ingo Jagels / PSN

Der europäische Ersatzteilmarkt steht vor einem grundlegenden Strukturwandel. Nach Einschätzung der Boston Consulting Group (BCG) wird das Marktvolumen von 99 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf rund 116 Milliarden Euro im Jahr 2035 steigen. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von lediglich 1,7 Prozent. Zwischen 2021 und 2025 hatte die Wachstumsrate noch bei 4,7 Prozent gelegen. Die Zahlen beziehen sich auf den Teilemarkt auf Großhandelsebene einschließlich des freien Ersatzteilmarkts und des Originalteilegeschäfts, jedoch ohne Arbeitsleistungen der Werkstätten.

Für ihre Untersuchung „The European Aftermarket in 2035“ haben die Unternehmensberater insgesamt 19 Entwicklungen und Trends identifiziert, die den Kfz-Servicemarkt und den Teilehandel in den kommenden Jahren prägen dürften. Dazu gehören neben der Elektrifizierung des Fahrzeugbestands insbesondere die zunehmende Digitalisierung, veränderte Kundenbeziehungen und eine weitere Konsolidierung des Marktes.

Alter Fahrzeugbestand stützt das Ersatzteilgeschäft

Eine wesentliche Grundlage für die weitere Entwicklung bildet die Entwicklung des Fahrzeugbestands. Dieser wird nach der BCG-Prognose in Europa bis 2035 auf rund 343 Millionen Fahrzeuge wachsen. Allerdings wird die Zahl der Fahrzeuge künftig langsamer steigen als bisher. Gleichzeitig steigt das Durchschnittsalter: Während 2021 rund 23 Prozent der Fahrzeuge älter als 16 Jahre waren, dürfte dieser Anteil bis 2035 auf mehr als ein Drittel steigen.

Für den Ersatzteilmarkt ist diese Entwicklung grundsätzlich positiv, da ältere Fahrzeuge einen höheren Reparatur- und Instandhaltungsbedarf aufweisen. Dem stehen allerdings Trends wie eine sinkende jährliche Fahrleistung und die zunehmende Elektrifizierung gegenüber. So erwarten die Unternehmensberater, dass der Anteil rein batterieelektrischer Fahrzeuge am europäischen Fahrzeugbestand von derzeit rund vier Prozent auf 26 Prozent im Jahr 2035 steigt. Da Elektrofahrzeuge weniger klassische Wartungsteile benötigen, verändert sich damit auch die Nachfrage nach Ersatzteilen.

Eigenmarken gewinnen weiter Marktanteile

Eine weitere Entwicklung betrifft die zunehmende Bedeutung von Eigenmarken im Kfz-Teilehandel. Nach Angaben von BCG ist deren Marktanteil in der Region Europa, Naher Osten und Afrika (EMEA) innerhalb der vergangenen fünf Jahre auf rund 20 Prozent gestiegen. Insbesondere die wachsende Einkaufsmacht großer Handelsgruppen begünstigt diese Entwicklung.

Für etablierte Hersteller von Ersatz- und Verschleißteilen erhöht sich dadurch der Wettbewerbsdruck. Preisgünstige Eigenmarkenprodukte, die häufig außerhalb Europas gefertigt werden, konkurrieren zunehmend mit den Produkten der traditionellen Erstausrüster. Gleichzeitig können Handelsunternehmen durch eigene Produktlinien ihre Position gegenüber den Herstellern stärken.

Onlineplattformen setzen den Großhandel unter Druck

Besonders weitreichende Veränderungen erwarten die Unternehmensberater im klassischen Teilegroßhandel. Neue digitale Anbieter und Onlineplattformen bauen zunehmend direkte Geschäftsbeziehungen zu Teileherstellern und Werkstätten auf. Dadurch können sie traditionelle Handelsstufen umgehen und Ersatzteile zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten.

BCG sieht darin eine wachsende Bedrohung für die etablierten Großhandelsstrukturen. Je mehr Kunden und Daten diese Plattformen gewinnen, desto stärker könnte ihre Marktposition werden, so die Einschätzung der Experten. Hinzu kommt, dass Fahrzeughersteller eigene digitale Service- und Ersatzteilökosysteme aufbauen, die ebenfalls ohne den klassischen freien Teilegroßhandel auskommen.

Die Unternehmensberater empfehlen dem Großhandel deshalb, seine Rolle weiterzuentwickeln. Statt sich ausschließlich auf die Beschaffung und Distribution von Ersatzteilen zu konzentrieren, sollten Handelsunternehmen stärker als Betreiber und Vermittler digitaler Ökosysteme auftreten. Dazu gehören eigene Plattformlösungen, zusätzliche Dienstleistungen sowie ein Ausbau des Angebots an Elektronik- und Elektrofahrzeugkomponenten.

Konsolidierung dürfte sich fortsetzen

Parallel dazu rechnet BCG mit einer weiteren Konzentration des europäischen Aftermarkets. Steigende Kosten, zunehmender Margendruck und hohe Investitionen in neue Technologien erhöhen den wirtschaftlichen Druck auf kleinere Marktteilnehmer.

Größere Unternehmensgruppen verfügen häufig über bessere Voraussetzungen, um in Digitalisierung, neue Fahrzeugtechnologien und zusätzliche Dienstleistungen zu investieren. Zusammenschlüsse und Übernahmen dürften deshalb entlang der gesamten Wertschöpfungskette weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Auch die zunehmende Bedeutung großer Flottenbetreiber und Versicherungen verändert die Marktstrukturen. Nach der BCG-Prognose wird der Anteil von Flottenfahrzeugen am europäischen Fahrzeugbestand von acht Prozent im Jahr 2021 auf rund 20 Prozent im Jahr 2035 steigen. Damit gewinnen Unternehmen an Einfluss, die Reparatur- und Wartungsaufträge zentral steuern und hohe Anforderungen an Preise, Prozesse und digitale Schnittstellen stellen.

Künstliche Intelligenz verändert die Geschäftsmodelle

Eine Schlüsselrolle bei der weiteren Entwicklung des Aftermarkets schreiben die Unternehmensberater der künstlichen Intelligenz zu. Deren Einsatzmöglichkeiten reichen von der automatisierten Ersatzteilidentifikation über die Nachfrageprognose und Preisgestaltung bis zur Bearbeitung von Gewährleistungsfällen.

Im Teilegroßhandel könnten KI-gestützte Systeme beispielsweise die Bestandsplanung verbessern, dynamische Preismodelle unterstützen und Reklamationsprozesse automatisieren. Für Teilehersteller eröffnen sich zusätzliche Möglichkeiten bei der Produktidentifikation und der Analyse von Felddaten.

BCG geht davon aus, dass Unternehmen künftig nicht mehr allein durch ihre Größe und ihre logistische Leistungsfähigkeit erfolgreich sein werden. Entscheidend sei vielmehr, wie gut es ihnen gelingt, digitale Technologien einzusetzen, Kundenbeziehungen zu stärken und sich in vernetzte Geschäftsmodelle zu integrieren.

Der Wettbewerb verlagert sich

Die zentrale Botschaft der Untersuchung lautet, dass sich der europäische Aftermarket nicht in einem Niedergang, sondern in einer grundlegenden Umbruchphase befindet. Während das klassische Mengenwachstum an Bedeutung verliert, steigen die Anforderungen an technische Kompetenz, Digitalisierung und die Integration verschiedener Marktteilnehmer.

Für den freien Teilegroßhandel bedeutet dies, dass die reine Versorgung der Werkstätten mit Ersatzteilen langfristig kaum ausreichen dürfte, um die eigene Marktposition zu sichern. Gefragt sind zunehmend umfassende Dienstleistungen, digitale Lösungen und eine enge Anbindung der Werkstattkunden. Nach Einschätzung von BCG werden insbesondere diejenigen Unternehmen ihre Position stärken können, die sich frühzeitig auf diese veränderten Wettbewerbsbedingungen einstellen.

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